Bauwahn oder Zukunftsplanung

BUND und NABU kritisieren mangelhafte Einbindung von Bürgern, Verbänden und Fachkonzepten bei der Erstellung des Wohnbauflächenatlas. Nach Bewertung der Umweltverbände fehle dem Atlas die nötige stadtplanerische Qualität, um den verschiedenen Nutzungsansprüchen in der Stadt gerecht zu werden. NABU und BUND fordert insbesondere die Veräußerung von Flächen im städtischen Besitz an klare,  ambitionierte Kriterien zu knüpfen und das Tafelsilber der Stadt nicht leichtfertig an Investoren zu verkaufen.

 „Momentan sieht der Wohnbauflächenatlas nach blankem Aktionismus ohne Konzept aus. Bauen, Bauen, Bauen ohne Nachzudenken“, so Tobias Langguth vom BUND-Landesverband. „Es fehlt augenscheinlich ein Bewertungsmaßstab, der über das reine Zeitfenster und die damit verbundene Verfügbarkeit hinausgeht. Keine erkennbare Abstimmung mit Landschaftsplan oder Flächennutzungsplan sowie dem integrierten Stadtentwicklungskonzept (INSEKK), freiräumliches Leitbild oder Nachhaltiges Flächenmanagement (FNK). Es scheint keinen Austausch mit den Machern des Masterplans Mobilität für die Region Kiel oder des Masterplans 100% Klimaschutz zu geben, ebensowenig wie mit den Umlandgemeinden“, kritisiert Langguth weiter.

 Der zweiteilige Wohnbauflächenatlas wurde im Sommer letzten Jahres erstellt und teilweise (öffentlicher Teil) in den entsprechenden Ortsbeiräten vorgestellt, nachdem er von den Fraktionen der damaligen Kooperation vorgesichtet worden war. Er enthält zurzeit Flächen für rund 9.500 Wohneinheiten. Eine breite Diskussion mit den Bürgerinnen und Bürgern über eine Gesamtplanung für Kiel als wachsende Stadt hat nicht öffentlich stattgefunden.

 Hartmut Rudolphi vom NABU Kiel fordert daher: „Die im Bauflächenatlas aufgeführten Flächen müssen einem stadtplanerischen Qualitätscheck unterworfen werden, der Kriterien beinhaltet wie Zukunftsfähigkeit in Bezug auf Nahinfrastruktur und Nahmobilität, Bodenschutz/Versieglung, Grünachsen- und Luftschneisenerhalt und Lebensqualität vor Ort. Dieser Qualitätscheck muss transparent durchgeführt werden und für alle Bürger*innen nachvollziehbar veröffentlicht werden.“

 Die Notwendigkeit für eine Ausweitung der Bauaktivitäten basierte vor allem auf aktuellen Bevölkerungsprognosen von bis zu 20.000 zusätzlichen Einwohner*innen. Diese dürften nach Ansicht der Umweltverbände zudem nicht unkritisch betrachtet werden: Sie würden auf vereinfachenden Annahmen basieren, die Aktivitäten von Nachbargemeinden nicht einberechnen und hätten schon in der Vergangenheit falsch gelegen.

„Was aktuell fehlt, sind ja bekanntermaßen Wohnungen im unteren Preissegment, die eher einfacher sind. Die Stadt bedient mit der aktuellen Planung jedoch unverändert vor allem Investoren, die an hochpreisigen Wohnungen als Geldinvestition interessiert sind sowie Umlandbewohner*innen. Auch die hohe Anzahl an geplanten Einfamilienhäusern steht im Widerspruch zu der vorhandenen Flächenknappheit“, erläutert Ulrike Hunold von der BUND-Kreisgruppe. „Städtische Flächen sollen nur noch nach Ermittlung der Konzeptqualität eines Bauprojektes verkauft werden. Der Verkaufspreis darf hier nur eine untergeordnete Rolle spielen. Gedeckelte Mietpreise und ökologische Kriterien wie zukunftsgewandtes Bauen, gemischte Wohnformen, Förderung von Nahmobilität und Nahinfrastruktur müssen deutlich höher bewertet werden“, so Hunold abschließend.

(PM vom 27.2.17)

 

Stadtplanung

In den 80er und 90er Jahren gab es eine sehr aktive StadtplanungsAG bei der Kreisgruppe. Wir möchten diese Tradition wiederbeleben und uns aktiv bei der Weiterentwicklung der Stadt Kiel einmischen. Als Träger öffentlicher Belange sind wir berechtigt Stellungnahmen zu allen Bauvorhaben abzugeben, die mit einer Änderung eines B-Plans einhergehen. Seit Anfang 2012 erhalten wir wieder sämtliche B-Pläne und haben dann etwa 1 Monat Zeit, uns mit dem Vorhaben auseinanderzusetzen. Die Stadt muss auf unsere schriftliche Stellungnahme reagieren, muss aber (leider) nicht unseren Vorschlägen entsprechen. Idealerweise finden sich Interessierte aus der Kreisgruppe unter der Führung eines Ortskundigen zu einem Ortstermin nach vorheriger Absprache zusammen; danach wird die Stellungnahme erstellt.

Wir laden alle interessierten Bürger unabhängig von einer Mitgliedschaft beim BUND ein, bei entsprechenden Bauvorhaben auf uns zu zukommen und an einer Ortsbegehung sowie Stellungnahme teilzunehmen. Einzige Einschränkung: Unsere Stellungnahme muss sich (nach Gesetz) auf Natur- und Umweltschutzbelange beschränken!

Kiel - eine wachsende Stadt?

Seit geraumer Zeit wird bald jedes Bauvorhaben in Kiel von der Stadtverwaltung mit der Begründung von der „wachsender Stadt“ ohne Rücksicht auf vorhandenes Grün durchgezogen. Sei es die Eiche an der „alten Feuerwache“, die mehr Tiefgaragenstellplätzen geopfert wurde, sei es die alte Linde, die an der Schauenburger Straße einem zusätzlichen Doppelhaus im Wege steht.

Andere Dimensionen nehmen die großen Bauvorhaben wie Erweiterung Lubinus-Klinik am Steenbeker Weg oder das angedachte Trainingszentrum mit angegliederten Nachwuchsinternat auf der anderen Seite des Steenbeker Weges an. In beiden Fällen werden vorhandene Kleingärten nur als freie Nutzungsreserve gesehen, obwohl es vor Ort grünschonende Alternativen gäbe: vier- statt dreistöckiger Bebauung bei Lubinus oder Brachen nördlich der Holsteintrainingsplätze.

Wieviel Wahrheit steckt hinter dem Slogan „wachsende Stadt“ – und sind Kleingärten wirklich nur das Privatvergnügen der Pächter, die entschädigt werden und „gut is“?

Das Amt für Statistik hat mithilfe eines etablierten Programmes einen Bevölkerungszuwachs von 12.000 Einwohner bis 2030 prognostiziert und damit ein Defizit von 9.000 Wohnungen. Diese Zahlen sind anzuzweifeln: In die Berechnung fließen weder Wirtschaftsentwicklung noch Bauvorhaben der Nachbargemeinden ein, das angewandte Programm taugt dazu, Bevölkerungsströme in neue Stadtteile innerhalb einer Stadt zu prognostizieren, mehr nicht! Interessanterweise kommt eine Berechnung des Bundes auf ziemlich gegenteilige Zahlen. Einziges Fakt scheint zu sein, dass innerhalb der nächsten Jahre die Studentenzahlen noch etwas ansteigen werden.(Hierzu haben Ulrike Hunold und Uwe Kern einen Artikel veröffentlicht mit ausführlicher Quellenangabe: link)

Die Stadt lockt jedoch mit diesen Zahlen und bereitwillig angeboten Flächen große Investoren, während z.B. Haus&Grund nur einen Wohnungsmangel in bestimmten Gegenden bzw. Preissegmenten sieht. Wir Kieler werden mit einer Vielzahl von Projekten konfrontiert, die auf eine maximale Gewinnerzielung für die Investoren ausgerichtet sind und nicht auf unsere Lebensqualität.

Und so muss die antwort lauten: Kiel eine wachsende Goldgrube für Investoren!

Kleingärten als Flächenreserve der wachsenden Stadt?

Kleingärten und damit der Kieler Grüngürtel sind schon seit Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhundert ein bevorzugtes Angriffsobjekt für Investoren. Doch genauso lange gibt es Bemühungen, dem entgegenzuwirken: So ist die Anlage z.B. von Elmschenhagen als Gartenstadt jenseits des Grüngürtels in den 30er Jahren genau diesem Schutzgedanken entsprungen. Die Angriffe auf Kleingärten laufen in Wellen ab: z.B. Olymppiastadt Kiel 1972 mit Ausbau der Autobahn und Fernverbindung nach Schilcksee, die Mühlenwegtrasse (Ausbau der Straßenverbindung von der Autobahn zur Hochbrücke) in den 90ern, aktuell v.a. großflächige Gewerbe- und Siedlungsprojekte (Möbel Kraft). Und anders als in den 30er Jahren fehlt es über sämtliche Parteien hinweg an einer Wertschätzung der Kleingärten als wichtiges soziales, stadtbildnerisches und ökologisches Element, obwohl genau diese Funktion in den Leitlinien des deutschen Städtetages von 2011 zu Kleingärten beschrieben wird. Das Fazit dort lautet uneingeschränkt: „Kleingärten sind für eine lebenswerte Stadt von morgen zu erhalten“. Stattdessen ist man parteiübergreifend in Kiel zufrieden, wenn die Kleingärtner angemessen entschädigt werden; der Wert des Kleingartens wird hier als Privatangelegenheit gesehen.

Bezüglich der Kleingärten strebt die Stadt aktuell ein Kleingartenentwicklungskonzept an, dass wohl besser Kleingartenabwicklungskonzept heißen sollte: Gebetsmühlenartig wird wiederholt, dass der Zuschnitt der Kleingärten nicht mehr zeitgemäß ist und deutlich kleinere Parzellen wünschenswert sind. Was wegfällt, dürfte dann in Baugebiete umgewidmet werden. In einer Antwort auf eine Bürgeranfrage stellte der Bürgermeister dieses Vorgehen sogar als konform mit den Leitlinien des deutschen Städtetages zum Kleingartenwesen von 2011 dar (Link zur schriftlichen Antwort, Link zum Video, das deutlich in der Antwort abweicht).

Wir können nur ahnen, was auf uns zukommt. Dringend braucht die Stadtplanungsgruppe daher Mitstreiter, die mithelfen, den kommenden Wahnsinn zu stoppen. Es geht nicht darum, notorischer Nein-Sager zu sein, sondern um konstruktive Planungsvorschläge für „Bauen mit vorhandenem Grün“. Das kann auch projekt- oder stadtteilbezogen sein. Weitere Info auf Anfrage per Tel. 801312 (AB) oder per mail.



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